Seine ausgeprägte emotionale Verbundenheit mit dem Stadtteil mag er nicht verhehlen, obwohl Kalkbrenner eigentlich wo ganz anders zur Welt gekommen ist: in Leipzig. Noch zu DDR-Zeiten schicken ihn seine Eltern auf eine staatliche Musikschule, damit Paul die hohe Kunst des Trompetespielens lernen möge. Nach der Wende, zu Beginn der neunziger Jahre, steht er gemeinsam mit seinem Kumpel und WG-Genossen Sascha Funke hinter den Plattentellern eines Jugendclubs im Bezirk Lichtenberg.
Die Volljährigkeit endlich erreicht, besucht Paul zum ersten Mal das E-Werk. Hier haut er sich mehr als einmal mit Techno die Nächte um die Ohren. Dieser Sound hat es ihm angetan. Kalkbrenner besorgt sich einen Amiga Rechner und übt sich in der Produktion eigener Stücke. Und wie so bei manch anderen Produzenten im Technozirkel stellen Basic Channel für Kalkbrenner einen nicht unerheblichen Quell der Inspiration dar. Der endgültige Schritt in die Adoleszenz bereitet ihm da schon mehr Probleme. Mit der Schule kommt Paul nicht klar, er geht ohne Abschluss ab und mit dem Dienst fürs Vaterland kann Kalkbrenner sich auch nicht wirklich anfreunden. Ein Praktikum bei einem Fernsehsender öffnet ihm 1997 neue Möglichkeiten sein Leben zu gestalten. In der Folge erledigt er Editor-Aufträge für diverse deutsche Kanäle. Zwei Jahre später erscheint die erste Kalkbrenner-Platte.
Paul setzt Prioritäten, lässt die Fernseharbeit ruhen und kümmert sich fortan nur noch um seine Musik. Für Ellen Alliens BPitch Control produziert Kalkbrenner die beiden Alben "Superimpose" und "Zeit". Durch deren gefühlvoll-melancholischen Sound bekommt er den "Neo-Trance"-Stempel verpasst, was ihm eigentlich gar nicht genehm ist.
Mit seinem dritten Werk Self rückt Kalkbrenner in dieser Hinsicht die Verhältnisse wieder zurecht und legt ein außerordentliches Zeugnis emotionaler Musik ab. In eine vergleichbare Kerbe haut das Remix-Album "ReWorks", bei dem Paul Kalkbrenner eine Reihe befreundeter Künstler und Musiker bittet, sich einen Track aus seinem Œuvre herauszusuchen und zu remixen.
2008 kommt es zum Spielfilm-Debüt Kalkbrenners. Nach langer Beratungstätigkeit für Hannes Stöhrs Techno-Projekt "Berlin Calling" überredet der Regisseur seinen Szenekenner, den Hauptdarsteller-Part einfach selbst zu übernehmen. Gesagt, getan: Kalkbrenner morpht zu DJ Ickarus, der mit seiner Freundin und Managerin der ersten Albumveröffentlichung entgegen fiebert, dann aber über den Umweg Drogenkonsum in eine Nervenklinik eingeliefert wird. Der Film feiert auf dem Filmfestival in Locarno Weltpremiere.

